200.000 Familien in 30 Sekunden obdachlos Bericht aus dem Erdbebengebiet in Pakistan

Folker Flasse ist durch das Erdbebengebiet in Pakistan gefahren und hat zwei von der Humanity Care Stiftung unterstützte Rettungszentren besucht. Er schildert hier seine Eindrücke aus dem total zerstörten Land.


Muzaffarabad – „Dies war ein fünfstöckiges Haus, es ist innerhalb von 30 Sekunden eingestürzt und hat 14 Menschen unter sich begraben. Vier junge Leute konnten wir nach einer Stunde leicht verletzt aus den Trümmern ziehen. Später fanden wir noch neun Tote“, berichtet Omar, der kurz vor dem Beben das Haus verlassen hatte und unverletzt überlebt hat. Er hat Tränen in den Augen und spricht mit zitternder Stimme.


Ich bin im Zentrum von Muzaffarabad, der Hauptstadt von Azad Kashmir. Bei einem Besuch vor einem Jahr habe ich eine blühende Stadt erlebt. Jetzt ist fast jedes Haus zerstört, die Dächer sind beim Einsturz der Gebäude als letzte auf die Trümmer gesackt und haben alles unter sich begraben.


Dann erzählt Rehman, ein Mitarbeiter einer Behörde aus Islamabad, der sich in dem Moment als die Erdstöße einsetzten, auf der Straße befand: „ Es donnerte kurz, dann begann die Erde ungeheuerlich zu schwanken, ich hielt mich an meinem Auto fest, das immer wieder hochgeworfen wurde. Fast gleichmäßig stürzten nach wenigen Sekunden alle Häuser ein. Es krachte von allen Seiten. Die Bäume schwankten wie in einem Sturm. Gleichzeitig setzte ein panikartiges Geschrei und Kreischen in der ganzen Stadt ein. Einige Menschen stürzten noch auf die Straßen. Es war wie der Weltuntergang. Nach nur zwei Minuten war aus der Stadt eine Trümmerwüste geworden.“


Das Erdbeben hat bis jetzt 76.000 Tote gefordert, viele davon Kinder, die sich zur Zeit des Bebens in den Schulen und Kindergärten aufhielten. 65.000 Menschen wurden schwer verletzt, fast Tausend mussten an Armen oder Beinen amputiert werden. Hinzu kommen ca. 56.000 Leichtverletzte berichtet der Earthquake Relief Commissioner, Generalmajor Farooq, in einem Briefing in einer ehemaligen Kaserne. „500.000 Familien sind in einem Schlag obdachlos geworden“.


Genau schaue ich mir die Reste des Sangan Hotels an, in dem wir vor einem Jahr gewohnt hatten. An einer Seite stehen noch die Außenmauern, die Betondecken sind aufeinander gesackt. Die Balkons liegen übereinander. Am Tag des Bebens war das Hotel nur gering besetzt, so daß lediglich neun Opfer zu beklagen sind. Ich mag nicht daran denken, wenn uns das Erdbeben überrascht hätte.


500 Meter von diesem Hotel entfernt wird mir eine völlig zerstörte Schule gezeigt. Hier sind 70 Kinder von den einstürzenden Betondecken erschlagen worden, drei Schüler haben überlebt. Überall liegen noch Schultaschen herum, Hefte und Bücher liegen zwischen dem Schutt, hier und da liegt ein Schuh oder eine Sandale. Ich nehme mir drei Bücher mit, die in Deutschland an das Beben erinnern sollen.


Von dem Schulgebäude ist nur noch der Physik- und Biologieraum zu erkennen. Zerbrochene Präzisionswaagen liegen herum, an der Wand hängen noch Lehrtafeln über den menschlichen Körperbau, am Boden finde ich drei Physikhefte mit den Namen der Schüler und den Korrekturen durch die Lehrer. Auf meine Frage, warum diese Bücher und Hefte nicht eingesammelt und den Eltern gegeben werden, erfahre ich, daß sie in einer 200 Meter entfernten Siedlung wohnten und ebenfalls umgekommen sind.


Dann werde ich zu dieser Siedlung geleitet. Sie stand oberhalb eines Hanges. Alle Häuser sind zusammengebrochen. Die Betondecken und Flachdächer sind meist voll erhalten und den Hang heruntergerutscht. Der Rasen vor den ehemaligen Gebäuden weist 20 bis 30 parallel verlaufende tiefe Risse auf.


Muzaffarabad wird an einer Seite von dem Fluß Neelum und ca. 1200 Meter hohen Bergen begrenzt. An den Hängen standen einzelne Häuser und kleine Siedlungen. Der Berg ist von dem Beben, dessen Nullpunkt nur einige Kilometer weit entfernt liegt, gespalten worden, sein vorderer Teil ist mit den Häusern in den Fluß abgerutscht. Von den Ansiedlungen ist nichts mehr zu sehen. Die nachfolgenden Erdrutsche haben alles begraben. In dem trockenen Schutt weht der Wind hin und wieder noch eine Staubwolke auf, wenn weiteres Geröll abrutscht. Die abgespaltene Seite des Berges steht jetzt wie eine riesige grau-weiße Wand am Ostufer des Neelum.


„Die abgebrochenen Gesteinsmassen haben den Neelum gestaut, es bestand die Gefahr, daß Teile der Stadt auch noch überschwemmt werden. So haben Pioniere von uns die Geröllmassen weggesprengt“, berichtet ein Soldat im Koordinations-zentrum für die Hilfseinsätze.


Innerhalb und außerhalb von Muzaffarabad sind Zeltlager für die Überlebenden errichtet worden. In einem Lager auf einem Sportplatz neben dem ehemaligen Krankenhaus kann ich einige Menschen befragen. Fast alle sind traumatisiert, blicken oft ziellos in die Ferne antworten und nur bruchstückweise. Andere überschütten mich wie ein Wasserfall. Viele haben ihr Schicksal noch kaum richtig realisiert und sitzen apathisch in ihren Zelteingängen. Einige kleine Jungen spielen zwischen den Zelten Fußball.


Fast jede Familie hat Angehörige verloren. Am Ende der ersten Zeltreihe sitzt ein Vater mit zwei kleinen Mädchen. Ein Kind hat ein Bein gebrochen und liegt mit einem Gipsbein auf einer Decke. Daneben steht eine Wasserflasche. Das andere Mädchen hat noch überall Schwellungen am Körper. Halb in Englisch, halb in Urdu berichtet mir der Mann, daß seine Frau, seine Schwester und eine weitere Tochter umgekommen sind. Dann sehe ich, daß er selbst ein Bein verloren hat. „Am liebsten würde ich auch sterben, aber ich muß jetzt allein für meine beiden Mädchen und deren Zukunft sorgen und deshalb weiterleben“, erklärt er mir unter Tränen. Ich gehe zu acht weiteren Zelten. Überall erfahre ich ähnliche Schicksale. Kurzzeitig stehe ich hilflos vor so viel Elend und weiß nicht, wo und wie wir helfen können. Wir benötigten Millionen. An die Zukunftsaussichten dieser Menschen mag ich gar nicht denken. Sie haben alles verloren: ein Zelt, einige Wolldecken, ein Kochtopf und eine Wasser-flasche sind jetzt ihre Habe, und das in einem Land, das zu den ärmsten der Welt zählt und auch noch zweieinhalb Millionen Flüchtlinge aus Afghanistan und dem indisch-besetzten Teil Kaschmirs versorgen muß.


Mehrere einheimische und internationale Hilfsorganisationen bemühen sich um die Versorgung der Überlebenden, so auch unsere Humanity Care Stiftung gemeinsam mit zwei Partnerorganisationen. In der Nähe von Muzaffarabad betreut unser Partner, der Kharian Welfare Trust, eine Zeltstadt. Dr. Hamid hat bereits auf die von mir mitgebrachten Tetanus-Spritzen, die uns ein Apotheker aus Greven gespendet hatte, gewartet und geht mit mir von Zelt zu Zelt, um zunächst die Verletzten zu impfen. Überall treffe ich Helfer, die ihren Urlaub oder ihre Freizeit hergeben, um im Lager feiwillig mitzuarbeiten.


Auf den Himalaya- und Karakorumgipfeln liegt bereits Schnee. Tagsüber scheint die Sonne und es wird im Tal 20 Grad warm. Nach Sonnenuntergang geht die Temperatur aber auf zwei bis drei Grad zurück. So hat für die Hilfstransporte und die Hilfsflüge ein Wettlauf mit der Zeit eingesetzt, bevor der Winter mit meterhohem Schnee voll einsetzt. Über 50.000 Zelte, besonders winterfeste, fehlen noch. Man kann sie kaum mehr kaufen, da entsprechende Lagervorräte nirgends in der Welt vorhanden sind und die Hersteller mit der Fabrikation kaum nachkommen. Über 3 Millionen Wolldecken werden noch benötigt und da stelle ich auf einer Übersicht beschämend fest, daß das „reiche“ Deutschland gerade mal erst einige Tausend Decken zur Verfügung gestellt hat. „If we cannot deliver sufficient tents and blankets to the earthquake victims, we have to face a second disaster“, kommentiert General Farooq die Übersichten über die Hilfslieferungen.


Alle Straßen um Muzaffarabad waren durch Erdrutsche oder Schlammlawinen verschüttet bzw. waren in die Flüsse abgestürzt. Bis auf wenige Kilometer hat die Armee jetzt die Straßen geräumt, neue Umfahrungen in die Berge getrieben und an ganz unsicheren Stellen Geröllwege für Jeeps und Mulis freigeräumt. Soldaten sind eingesetzt, um die „Sicherheit“ dieser Wege zu überwachen, die Berge ständig im Auge zu halten und den Verkehr zu stoppen, wenn sich wieder eine Gerölllawine löst. Auf solch einem Geröllweg, 300 Meter steil über dem Neelum, erreiche ich ein Bergdorf. In diesem Dorf sind zwei Drittel der Bewohner in ihren Häusern umgekommen. Kein Stein steht mehr auf dem anderen. Die Überlebenden haben sich aus Wellblech und Holz notdürftige Hütten selbst gebaut. Auf einem kleinen Friedhof finde ich fünfzig bis sechzig neue Gräber. Vorn ist ein gerade vermähltes Paar beigesetzt worden. Ihre Brautkränze schmücken die letzte Ruhestätte. Weiter hinten sind zwei Kinder beerdigt. Künstliche Blumen liegen auf ihren Gräbern. Im Trümmerschutt des Dorfes gräbt ein alter Mann. Sucht er noch nach Angehörigen oder nach Resten seines Hab und Gutes, ich kann es nicht erfahren. Ein blinder alter Mann kommt auf mich zu und will mir etwas erzählen. Leider verstehe ich ihn nicht.


Im Gegensatz zu einem Bombenangriff sind die Betondecken und Betondächer beim Absacken erhalten geblieben. Sie liegen als große Flächen vor und auf jedem eingestürzten Haus. Und diese Betonplatten waren es, die viele Menschen erschlagen oder zerquetscht haben. Wenn wir erst Bagger und Kräne hierher bekommen, werden wir sicher noch mehr Tote und Vermisste finden. „Mit den Händen oder unseren Fahrzeugen können wir diese schweren Platten kaum bewegen“, erklärt mir ein Dorfbewohner, der mir das Flachdach der ehemaligen Schule zeigt, das schräg am Berg liegt.


Auf dem Rückweg treffe ich am Ortsrand von Muzaffarabad Brigadegeneral Ifthikar, der die Reisegruppe unserer Humanity Care Stiftung im vergangenen Jahr an der Waffenstillstandslinie mit Indien betreut hatte. Er erzählt mir, daß die Einheiten, die in Azad Kashmir stationiert sind, über 450 Soldaten durch das Erdbeben verloren haben und daß über 700 Soldaten verletzt worden sind. Auch in den Soldatenfamilien hätte es zahlreiche Tote und Verletzte gegeben. Alle Fernmeldeleitungen seien unterbrochen gewesen und viele Fahrzeuge seien verschüttet worden. So zerschlagen habe das Militär vor Ort keine Hilfen mehr leisten können. Deshalb habe das Verteidigungsministerium frische Einheiten aus dem Süden des Landes in das Erdbebengebiet beordert. Wegen der nicht benutzbaren Straßen seien diese Soldaten erst am dritten Tag nach dem Beben einsatzbereit gewesen. Schwereres Gerät habe man zunächst überhaupt nicht herbringen können. Einige leichte Planierraupen seien per Hubschrauber eingeflogen worden. Diese Erklärungen hat der Brigadier mir sicherlich gegeben, weil in einigen Zeitungen das späte Tätigwerden der Armee beklagt worden war.


Auf dem Weg zurück nach Islamabad komme ich noch an dem ehemaligen Regierungsgebäude vorbei, in dem uns vor einem Jahr einige Politiker zu einem Gespräch empfangen hatten. Das Gebäude erscheint wie in Einzelsteine zerlegt. Die Stützmauer an der Straßenseite ist völlig zusammengebrochen. Hier sind viele Bedienstete der Landesregierung umgekommen, so daß wichtige Verwaltungs-aufgaben der Provinz jetzt von Islamabad wahrgenommen werden müssen.


Bevor ich Muzaffarabad verlasse, schaue ich mich noch einmal um: Vor mir breitet sich eine Katastrophenlandschaft aus. An den Hängen glänzt die Sonne im letzten Abendlicht, in der Ferne leuchten die schneebedeckten Berge des Himalaya. Wann wird dieses wunderschöne Land wieder so sein wie früher?