Humanity Care Stiftung hilft im Erdbebengebiet in Pakistan

Alle Spenden sind pünktlich bei den Überlebenden angekommen


In den vergangenen zwei Wochen hat die Humanity Care Stiftung mit einer kleinen Delegation wieder das Erdbebengebiet im Norden Pakistans besucht. Nachdem die Stiftung seit Oktober 2005 über 100 Tonnen an Hilfsgütern in die total verwüstete Region geschickt hatte, wollten sich die Helfer davon überzeugen, daß Zelte, Decken,Schuhe , warme Kleidung und Medikamente tatsächlich bei den Opfern der Katastrophe angekommen sind. Folker Flasse, der Präsident der Stiftung, stand uns unmittelbar nach Rückkehr aus der Erdbebenregion für ein Interview zur Verfügung.


TP: Sie sind vor wenigen Tagen aus Pakistan zurückgekommen. Wie sieht es im Erdbebengebiet jetzt aus?


Folker Flasse: Das Erdbeben vom 8. Oktober des vergangenen Jahres hat ein Gebiet von der Größe Nordrhein-Westfalens getroffen. Alle Gebäude sind zerstört oder sehr schwer beschädigt. Über 3,5 Millionen Menschen leben in Zeltlagern oder kleinen Metallhütten. Viele Obdachlose haben aber ihre Zelte auch in ihren Vorgärten oder auf Betonplatten ihrer ehemaligen Dächer aufgebaut. Die Zeltlager sieht man überall dort, wo Sportplätze, Wiesen oder andere freie Flächen zur Verfügung standen. Die Hauptorte der Region sind zwar wieder auf dem Landweg zu erreichen, doch sieht man überall Straßenteile, die in dem hochgebirgigen Gelände in die Flüsse abgerutscht sind oder die von Erd-, Geröll- oder Schlammrutschen verschüttet worden sind. Kleinere Gebirgsstraßen sind völlig verschwunden. An ihrer Stelle hat die Armee schmale Geröllwege frei geschaufelt. Diese Wege sind äußerst unsicher, laufen häufig entlang tiefer Abgründe und können höchstens von Jeeps und kleinen Lieferwagen befahren werden. Die Bergdörfer und die Einzelsiedlungen sind ebenfalls völlig zerstört worden. Viele sind mit abgespaltenen Bergteilen in die Täler abgestürzt und von nachfolgendem Geröll verschüttet worden. Dort hat niemand überlebt.


TP: Wie viele Opfer gab es in dem Erdbebengebiet?


Folker Flasse: Die offizielle Zählung geht von 86.000 Toten aus. Wir haben viele neue Friedhöfe in der Region gesehen. Die meisten Gräber sind jetzt mit Blumen geschmückt und mit kleinen Grabtafeln aus Marmor versehen. Man steht erschüttert auf solchen Friedhöfen: häufig sind ganze Familien oder mehrere Familienmitglieder zugleich umgekommen. Durch das Erdbeben sind über 80.000 Menschen schwer verletzt worden, weiter sind ca. 60.000 leichter Verletzte gezählt worden. Die Schwerverletzten leiden meist unter komplizierten Knochenbrüche und Quetschungen. Über tausend Menschen konnten nur durch Amputationen von Gliedmaßen gerettet werden. Eine große Zahl von Problempatienten sind die traumatisierten Überlebenden. Viele sind verwirrt, reden zusammenhanglos oder sprechen seit dem 8. Oktober überhaupt nicht mehr. Eine weitere Problemgruppe sind die vielen Waisen und die nicht mehr fest gefügten Restfamilien.


TP: Wie und wo hat die Humanity Care Stiftung geholfen?


Folker Flasse: Nach dem Beben Anfang Oktober mit noch ca. 1200 Nachbeben hat die Humanity Care Stiftung über 100 Tonnen an Hilfsgütern in das Erdbebengebiet transportiert. Es kam darauf an, vor dem zu erwartenden strengen Winter mit Schneehöhen von 60 Zentimetern und Temperaturen bis -20 Grad zunächst Hilfe zum Überleben zu leisten. Deshalb haben wir alle Hilfsgüter per Luftfracht in den Norden Pakistans gebracht. Hierzu gehörten über 300 Zelte, 7000 Isomatten, 8000 Decken, Schlafsäcke, Winterschuhe, Tonnen warmer Kleidung sowie Medikamente und Impfstoffe.


TP: Wie lief die Hilfeleistung im einzelnen ab?


Folker Flasse: Unmittelbar nach dem Beben war ich in Azad Kashmir und der Nordwest Provinz Pakistans, habe mir ein Bild vom Ausmaß der Katastrophe gemacht und mit dem pakistanischen Innenminister, dem Koordinator für Hilfsmaßnahmen und mit unseren Partnern vor Ort die Möglichkeiten unserer Hilfe und die sinnvolle Verteilung der Hilfsgüter besprochen. Die Medien haben uns sehr geholfen, über das Beben zu berichten und um Geld- und Sachspenden zu bitten. Gleichzeitig habe ich durch ca. 50 Vorträge auf die Not aufmerksam gemacht. Mit Hilfe von Geldspenden konnten wir neue Sachen kaufen, insbesondere aber die Frachtkosten bezahlen. Viele Menschen haben uns mit Sachspenden geholfen: dies waren Einzelpersonen aus ganz Deutschland, Schulen, Firmen, Vereine, Verwaltungen, die Rotary Organisation, die Kinderhilfe Münster, Offiziere der Führungsakademie und andere Hilfsorganisationen. Die Sachspenden wurden von zahlreichen freiwilligen Helfern gesichtet und in über 7000 Umzugskartons verpackt und mit Inhaltslisten versehen. Am Flughafen Münster, teilweise auch in Berlin-Tegel, wurden die Hilfsgüter für den Lufttransport versandfertig gemacht und von dort direkt nach Islamabad oder Lahore geflogen. Vor Ort nahmen unsere Gegenstellen die Hilfsgüter in Empfang, sichteten sie nochmals, transportierten sie meist auf kleineren Fahrzeugen in das Erdbebengebiet und verteilten sie entsprechend von Anforderungslisten direkt an die Opfer. So hat jeder Karton tatsächlich auch die Bedürftigen erreicht. Bei der Verteilung hat auch der Erzbischof von Lahore, der im vergangenen Jahr auch in Münster zu Gast war, tatkräftig mitgeholfen. Unsere Partner haben exakt über jeden weitergegebenen Karton mit Datum, Ort und Empfänger buchgeführt. Diese Listen und entsprechende Fotos liegen mir vor.


TP: Aus welchem Grunde werden Hilfsorganisationen bei der Verteilung von Spenden kritisch gesehen?


Folker Flasse: Bei uns stimmt die logistische Kette, d.h. die genaue Warenbegleitung vom Spendenempfang bis zur Endverteilung. Bei vielen anderen Organisationen fehlt häufig die genaue Kontrolle vor Ort. Ich habe Hilfsgüter anderer großer Organisationen auf den Flughäfen im Lande liegen sehen, ohne daß sich ein Vorortkommando unmittelbar darum gekümmert hat. So ist nicht auszuschließen, daß auch mal eine Spende auf dem Basar landet.


TP: Wie werden Sie jetzt weiter helfen?


Folker Flasse: Es war Sinn dieser Reise, die übrigens jeder Reiseteilnehmer aus eigener Tasche bezahlt hat, die Verteilung unserer Hilfsgüter vor Ort zu überprüfen. Das Ergebnis stellt mich voll zufrieden. Gleichzeitig kann ich jedem Spender versichern, daß alle Hilfen bei den Bedürftigen angekommen sind. Nun, nachdem auch dort der Frühling gekommen ist und der Schnee nur noch auf den Bergspitzen liegt, ist eine unmittelbare Überlebenshilfe nicht mehr nötig. Jetzt geht es darum, beim Wiederaufbau zu helfen. Hier stelle ich mir vor, beim Wiederaufbau von Häusern, Schulen, Waisenhäusern und von Sanitätsstationen zu helfen oder eine Lehrlingswerkstatt aufzubauen und einzurichten. Hierzu benötigen wir besonders Geldspenden. Pläne zur Wiederaufbauhilfe liegen bereits vor. Die Umsetzung hängt von der uns gewährten Hilfe ab. Wir müssen überdies weiterhin den traumatisierten Menschen, den Behinderten und den Waisen helfen.


Ein Seetransport mit zwei weiteren Krankenwagen, medizinischem Gerät und anderen Hilfsgütern (ca. 30 Tonnen) ist vor drei Wochen in Pakistan eingetroffen. Ein weiterer Hilfstransport mit Medikamenten und hochwertigem ärztlichen Gerät hat Ende letzter Woche den Flughafen Münster verlassen.


Spendenkonto: Volksbank Münster e. G., Kontonummer: 523 838 400, BLZ 401 600 50