Ich trug meine verletzte Mutter 33 Stunden

Folker Flasse befragt ein Erdbebenopfer in Pakistan

Herr Saleem war bis 2002 Fahrer des pakistanischen Militärattaches in Berlin. Seine Familie lebt in einem abgeschiedenen Ort in einem Hochtal in Azad Kashmir, der völlig zerstört worden ist.


Folker Flasse: Saleem, Sie wohnen mitten im Erdbebengebiet, fast beim Nullpunkt, in der Nähe von Bagh in Azad Kashmir. Wie haben Sie das Beben erlebt?


Saleem: Ich stieg gerade aus dem Bus aus, mit dem ich von Sialkot nach Haus gefahren war. Es war ca. 8:45 oder 8:50 Uhr. Ich hatte mein Gepäck an der Haltestelle abgestellt, als ich ein helles Zischen vernahm. Sekunden später begann der Boden zu vibrieren und sich in schneller Folge um ca. 60 cm zu heben und zu senken. Ich konnte mich nicht auf den Beinen halten und wurde immer wieder in die Luft geworfen.


FF.: Haben Sie sofort gewußt, daß es sich um ein Erdbeben handelte?


Saleem: Ja, wir haben schon mal kleinere Erdstösse erlebt. Deshalb wußte ich sofort, daß es ein Beben war.


FF.:Wie lange dauerte das Beben?


Saleem: Ich schätze, daß es zwei Minuten waren.


FF.: Was passierte während des Bebens?


Saleem: Nach ca. 30 Sekunden legten sich die Häuser auf die Seite und stürzten ein. Erst brachen die Mauern, dann fielen die Zwischendecken herunter und schließlich sackten die Dächer – meist Blechdächer – auf die Trümmer und begruben alles unter sich. Die Bäume schwankten wie bei einem starken Sturm, richteten sich aber immer wieder auf.


FF.: Haben Sie auch Ihr Haus einstürzen sehen?


Saleem:Ja, ich war ja nur ca. 60 Meter entfernt. Ich bin nach dem Ende des Bebens sofort nach Haus gelaufen und sah zuerst meinen Onkel, der im Nachbarhaus wohnt. Von allen Seiten hörte ich panikartiges Schreien und Weinen aus den Trümmern. Dann sah ich meine Frau, die außerhalb des Hauses gearbeitet hatte und unverletzt war. Wir liefen sofort zur ca 1 km entfernten Schule, um nach unseren drei Söhnen zu suchen. Zwei Kinder kamen uns entgegen. Den dritten Sohn fanden wir am Rand des eingestürzten Schulgebäudes. Er hatte starke Hautabschürfungen im Gesicht und den rechten Arm gebrochen. Neben ihm lagen drei erschlagene Kinder. Wir eilten dann zurück nach Haus, weil wir meine Mutter und meine Schwester vermissten, die bei uns wohnen. Vor unserem Haus riefen wir sie. Nach kurzer Zeit antworteten sie jammernd aus einem Hohlraum unter unserem eingestürzten Haus. Wir begannen sofort mit den Händen zu buddeln und räumten Steine, Balken und Holzteile beiseite. Werkzeuge hatten wir nicht. Es war auch einfacher, die großen Steine und die Holzteile mit den Händen wegzuschaffen. Nach ca. 1 Stunde konnten wir unsere Großmutter aus den Trümmern ziehen. Äußerlich hatte sie starke Hautabschürfungen und Quetschungen. Dann stellten wir fest, daß auch ihr rechtes Bein gebrochen war. Nachdem ich unsere Großmutter vor das Haus gezogen hatte und auf irgendein Stück Stoff gelegt hatte, konnten wir eine halbe Stunde später auch meine Schwester aus den Trümmern befreien. Sie war ebenfalls schwer veletzt. Dann half ich den Nachbarn beim Buddeln. Wir gingen von Haus zu Haus und zogen die Überlebenden, die Verletzten und die Toten an das Tageslicht. Viele Menschen hatten fürchterliche Verletzungen, viele bluteten, andere hatten zerschmetterte Gliedmaßen und schrieen vor Schmerzen. Andere liefen völlig verstört umher, wieder andere saßen apathisch am Straßenrand. Von unseren weiteren Verwandten, die in unserer kleinen Stadt lebten, sind 23 umgekommen. Wir konnten so viele Tote kaum beklagen, sondern haben sie nach islamischer Sitte noch am selben Tag beerdigt.


FF.: Konnten Sie noch etwas von Ihrem Haushalt retten?


Saleem: So gut wie nichts. Alles ist zerschlagen, auch mein Fernsehgerät und meine Möbel, die ich mir in Deutschland gekauft hatte und auf die ich sehr stolz war. Wir konnten nur einen Kochtopf, etwas Mehl und Zucker finden. Hiermit hat meine Frau am Abend über einem Feuer vor dem Haus ein kleines Brot gebacken. Die Nächte haben wir im Freien verbracht. Wir hatten keine Decken, keine warme Kleidung, nichts.


FF. Wann kam denn Hilfe von Außen zu Ihnen?


Saleem: Zunächst ueberhaupt nicht. Wir wohnen in einem Hochtal in Azad Kashmir. Die Straßen waren an mehr als einhundert Stellen durch Bergrutsche verschüttet oder sind in die Flußtäler abgestürzt. Überdies wurden die meisten Brücken zerstört. Sie müssen wissen: wir leben im Vorland des Karakorum und des Himalaya. Die erste Hilfe, die uns nach ca. 5 Tagen erreichte, waren vier Gebirgssoldaten mit einem Muli. Sie brachten uns einige Arznei- und Schmerzmittel, mit denen wir die fürchterlichen Schmerzen meiner Mutter und meiner Schwester etwas lindern konnten. Den gebrochenen Arm unseres Sohnes haben wir notdürftig geschient. Hubschrauberhilfe kam in den ersten Tagen überhaupt nicht. Das Erdbebengebiet ist zu groß, und wir haben zu wenige Helikopter.


FF.: Wie haben Sie dann Ihre Familie versorgt?


Saleem: Sie wissen, ich bin Soldat und habe vielleicht einen etwas klareren Kopf in der Situation behalten. Als nach zwanzig Tagen die Straßen immer noch blockiert waren und nur zwei Mal Lebensmittel abgeworfen worden waren, habe ich beschlossen, daß wir zur nächsten Hauptstrasse laufen, die 70 km weit entfernt ist, um von dort nach Rawalpindi oder Islamabad zu kommen. Ich lud meine verletzte Mutter (60) auf den Rücken, meine Frau nahm den kleinsten Jungen auf den Arm und ein Nachbar trug meine Schwester. Wir liefen 33 Stunden zu Fuß – und so lange trugen wir auch die Verletzten – bis wir Kohala am Jhelum-Fluss erreichten. Hier konnten wir Platz in einem bereits überfüllten Bus nach Rawalpindi finden. Ich selbst mußte mir einen Platz auf dem Dach des Busses suchen. So erreichten wir nach weiteren drei Stunden Rawalpindi und brachten zunächst Mutter, Sohn und Schwester ins Krankenhaus. Dann gingen wir zu unseren Verwandten, die in Rawalpindi wohnen.


FF.: Gab es Plünderungen?


Saleem: Nein, überhaupt nicht.


FF.: Wo leben Sie zur Zeit, was wird aus Ihrem Haus?


Saleem: Wir wohnen zur Zeit bei Verwandten in Rawalpindi und nicht in einem Flüchtlingslager. Nach dem Winter will ich zurück in unseren Ort und unser Haus wieder aufbauen, schöner als zuvor.