Münsteraner helfen in Pakistan

Von Can Merey, dpa South Asia

Mardan (dpa) - Auf der mit blauem Tüll und roten Plastikblumen geschmückten Bühne trägt ein Mädchen eine Koransure vor, dann singen drei Schüler und eine Schülerin die pakistanische Nationalhymne. Nichts besonderes in Pakistan, sollte man meinen, ist es aber doch: Die Kinder sind hör- und sprachgeschädigt. «Reimen und singen ist für taube Kinder sehr schwierig», sagt die Leiterin des Zentrums für Sprache und Hören im nordpakistanischen Mardan, Shakila Farooq. Die Darbietung gilt einem deutschen Publikum, das gebannt lauscht. Freiwillige der Hilfsorganisation Humanity Care aus Münster und Umgebung sind angereist, um die Kinder zu unterstützen.

Mit fünf Kindern begann das fast nur aus Spenden finanzierte Zentrum für hörgeschädigte Kinder im Jahr 1984. Heute werden 175 Schülerinnen und Schüler dort mit besonderen Methoden unterrichtet. Für Pakistan gehen die Helfer um Farooq einen ungewöhnlichen Weg: «Regierungseinrichtungen belassen es dabei, den Kindern Gebärdensprache beizubringen», sagt die Leiterin, die persönlichen Bezug zur Thematik hat: Ihre Tochter ist schwerhörig. In dem Zentrum in Mardan, dem einzigen seiner Art in der Gegend, soll dagegen jeder Hörrest genutzt werden, um den Kindern doch noch Hören und Sprechen beizubringen und sie so in die Gesellschaft zu integrieren.

Je früher Hör- und Sprachtraining beginnen, desto größer sind die Erfolgschancen. Notwendig dazu sind nicht nur Hörhilfen, sondern auch Analysegeräte, um schon bei Kleinkindern Schäden am Gehör feststellen zu können - doch an technischer Ausrüstung mangelt es ebenso wie an Geld. Zeitweise schien die mit viel Idealismus betriebene Einrichtung vor dem Aus zu stehen. Die Hörgeräte in Mardan haben nichts mit dem fast unsichtbaren Knopf im Ohr zu tun, den Hörgeschädigte im Westen tragen. Den Kindern hängt ein klobiger Kasten um den Hals, der den Ton verstärkt, der mit Kabeln und Ohrhörern an beide Ohren geführt wird. Für den Preis eines modernen digitalen Hörgerätes kann Farooq vier Kinder mit alten analogen ausstatten.

«Wir sind persönlich berührt», sagt Folker Flasse, Präsident und Gründer der Humanity Care Stiftung, nach der Darbietung der Kinder. «Wir werden einen Weg finden, ihre Institution zu unterstützen.» Der 64-Jährige pensionierte Bundeswehr-Oberst reist mit Mitstreitern seiner Stiftung regelmäßig nach Pakistan, wo Humanity Care seit elf Jahren Hilfsprojekte unterstützt. Flasses Liebe zu Pakistan geht zurück ins Jahr 1971, als der frühere Heeresflieger Austauschoffizier an der Führungsakademie der pakistanischen Streitkräfte in Quetta war. Immer wieder kommt es seitdem in das südasiatische Land zurück. Das Elend der afghanischen Kriegsflüchtlinge in den pakistanischen Lagern ging ihm so nahe, dass er eine Stiftung gründete.

Heute unterstützt Humanity Care nicht nur Flüchtlinge, sondern unter anderem auch Schulen, Kliniken und lokale Hilfsprojekte. Das Erdbeben im Oktober 2005 ließ die Arbeit der Stiftung und ihrer Mitarbeiter, die unbezahlte Freiwillige sind und aus Münster und Umgebung kommen, dramatisch ansteigen. Für die Reisen nach Pakistan, die sie aus eigener Tasche zahlen, opfern die Stiftungsmitglieder ihren Urlaub. Flasse ist es wichtig, die Verwaltungskosten, für die die Stiftung nach seinen Angaben weniger als zwei Prozent der Geldspenden aufwendet, niedrig zu halten - damit die Hilfe auch tatsächlich bei «den Ärmsten der Armen», wie er sagt, ankommt.

Die Reisen nach Pakistan dienen auch dazu, das zu überprüfen, sagt Flasse. Die lokalen Partner, mit denen die Stiftung zusammenarbeitet, seien aber auch so ehrlich, dass Hilfsgüter «nicht auf dem Basar landen». Erschwert wird das Sammeln von Spenden von Pakistans immer schlechterem Image als Terrorland. Trotzdem ist es Humanity Care nach Flasses Angaben gelungen, seit Gründung der Stiftung Hilfsgüter im Wert von 25 Millionen Euro zusammenzubekommen. «Vielleicht ist das ein Tropfen auf dem heißen Stein», sagt Flasse. «Aber dann wäre ich gerne der heiße Stein, auf den der Tropen fällt.» dpa cy xx merey