Nach dem Schock folgt der lange Überlebenskampf

Nighat Aziz (Projektkoordinatorin der Humanity Care Stiftung in Pakistan) besuchte Kinder, die das Weinen verlernt haben.

Islamabad.

Er saß vor den Resten seines Lehmhauses, ein kleiner Junge, ungefähr drei Jahre alt. Er trug keine Schuhe, da sein einziges Paar von der Flut hinweggespült worden war. Abwesend von der Welt versuchte er, mit seinen Händen irgendetwas  aus dem Schlamm zu formen.

„Ich baue mir ein Haus,“ sagte er ohne aufzusehen. “Darin werde ich schlafen.“

Wir trafen auf die Bewohner dieses Dorfes, als wir Hilfsgüter  verteilten, die besorgte Freunde der Humanity Care Stiftung aus Deutschland gespendet hatten. Niemand hatte bisher dieses abseits gelegene Dorf erreicht, nicht einmal neun Tage nach Beginn der Katastrophe.

Sein Dorf Mianwali, in dem kein Haus mehr steht, lag am Ufer des Swat-Flusses im Norden Pakistans. Als die Fluten beängstigend stiegen und das ganze Dorf hinweggerissen wurde, hatten die Einwohner kaum Zeit, sich selbst und ihre Kinder zu retten. Dies ist das Schicksal zahlloser Menschen in Pakistan, wo die reißenden Fluten eine unbeschreibliche Katastrophe hinterlassen haben. Ungewöhnlich starke Monsunregenfälle ließen die Wassermassen in kürzester Zeit ansteigen. Sie  zerstörten alles, was ihnen von Nord bis Süd im Weg stand:  Häuser, Ernten, Haustiere, Dämme, Straßen, die gesamte Infrastruktur, einfach alles.

Und es hört nicht auf zu regnen. Jedes Mal, wenn es nachts regnet, frage ich mich, wo sich der kleine Junge gerade aufhält.

Der anfängliche Schock hat sich etwas gelegt. Die Menschen versuchen, irgend etwas Brauchbares aus den Trümmern zu retten. Sie lebten schon vor der Flutkatastrophe am Rande extremer Armut. Die meisten der Betroffenen hatten immer schon erhebliche Schwierigkeiten, über den Tag zu kommen. Aber jetzt ist die Lage anders. Mit ihren Häusern, die nicht mehr bewohnbar oder verschwunden sind, ihren zerstörten Feldern und ihren hinweggerissenen Geschäften wissen die Menschen nicht, wie sie überleben sollen. Das Desaster übersteigt die Hilfsmöglichkeiten der Regierung bei weitem. Sie hat die gesamte Infrastruktur des Landes wieder Instand zu setzen und aufzubauen.

Dies ist der Zeitpunkt, in dem die gesamte Bevölkerung Pakistans, die im Ausland lebenden Landsleute und die internationale Gemeinschaft aufgerufen wird zu helfen. Die Lage ist jetzt schon aussichtslos und kann sich in nächster Zeit noch weit kritischer entwickeln: sauberes Trinkwasser gibt es kaum und das schmutzige Wasser trägt zur Krankheits- und Seuchenbildung bei, der Mangel an Lebensmittel schwächt die Menschen zusätzlich, hinzu kommen Hauterkrankungen durch Schmutz und Ungeziefer, die sich aufgrund der extremen Wärme schnell ausbreiten. Bald aber kommen Herbst und Winter mit Kälte und Frost.

Die Beseitigung der unermesslichen Schäden an der Infrastruktur und die spezielle Behandlung von Ackerland und Weiden als Nahrungsgrundlage werden Jahre, wenn nicht Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Erst dann können die Böden wieder kultiviert werden. Alles muss gleichzeitig in Angriff genommen werden, damit die Menschen eine Lebensperspektive bekommen.

Die Bewohner der zerstörten Dörfer sind so mit dem Überleben beschäftigt, dass sie sich kaum um die vielen Kinder kümmern können, die ihnen schweigend zusehen. Vielleicht wissen die Kinder aber auch, dass niemand Zeit finden wird, sich um sie zu kümmern. Trotz Hunger, Hautkrankheiten und Ungeziefer weinen sie nicht mehr, sind abgestumpft und apathisch.

Es besteht kein Zweifel, daß die schwächsten Opfer dieser Naturkatastrophe am meisten gefährdet sind, die Kinder und die Alten. Die Zeit ist der Feind, Untätigkeit ist fatal, es muss schnell Hilfe geleistet werden, aber auch koordiniert. Die vielen Freiwilligen müssen nach genauen Plänen eingesetzt werden, und es mindestens ein Jahr im voraus geplant werden. Es nützt nämlich nichts, wenn motivierte Freiwillige der Regierung helfen wollen, diese selbst aber unfähig ist, sich zu organisieren und den Eindruck von Hilflosigkeit und Untätigkeit vermittelt. Die Aufgaben sind riesig – aber Pakistan hat schon vergleichbare Katastrophen überlebt.

„Kannst Du dich irgendwo waschen?“ habe ich Suleman gefragt, der auf einem Holzhaufen saß. „O, ja“ antwortet er stolz und zeigt auf einen Tümpel mit faulendem Wasser. „Wenn ich dort bade, lasse ich meine Kleidung an, so braucht meine Mutter sie nicht extra zu waschen.“ Und lächelt noch bei dieser Antwort. „ Im übrigen habe ich sowieso nichts weiter anzuziehen.“ Dabei vermeide ich, auf seine Hautentzündungen zu schauen.

Die kleine Marjan ist zu schüchtern, sich zu unterhalten. Sie greift hastig nach der Milchtüte, die ich ihr gebe. Ihre Mutter fügt hinzu, daß die Kleine keine Milch mehr gesehen hat, seit die einzige Kuh der Familie vor neun Tagen hinweggeschwemmt worden war.

Niemand findet Zeit über das Trauma nachzudenken, das jedes einzelne Kind durchlebt hat, und die Verwundungen, die die Katastrophe den jungen Menschen zugefügt hat.

Ich habe ja nur einige der Kinder während meiner Reise getroffen. Wie viele mehr vegetieren überall im zerstörten Pakistan – zu grausam, sich das vorzustellen.

Jedes Mal, wenn es in der Nacht wieder regnet, denke ich an diese kleinen Kinder, die keine Schuhe und keinerlei Schutz haben. Alle haben nichts mehr als ihre feuchten Kleider. Seuchen wie Cholera und Hepatitis haben sich bereits erste Opfer gesucht. Hauterkrankungen sind mittlerweile an der Tagesordnung.

Wie lange können die Menschen noch überleben, wenn sie nicht schnelle und ausreichende Hilfe erreicht?